Zum dritten Mal seit 2006 veranstaltet der Fifa-unabhängige Fußballverband ‘NF Board’ in diesen Tagen seinen Weltcup. Hier treten Auswahlteams nicht anerkannter Nationen gegeneinander an, um sich sportlich zu messen – und vor allem, um ihrer Forderung nach (fußball-) offizieller Anerkennung Nachdruck zu verleihen. In diesem Jahr sind dies Okzitanien (Frankreich), die Provence (Frankreich), Irakisch Kurdistan, die Sápmi-Auswahlelf (Norwegen, Finnland, Schweden und Russland), ein Team von Gozo (Malta) und Padanien (Italien).
Waren die ersten beiden ‘VIVA World Cups’ 2006 in Okzitanien (Südfrankreich) und 2008 in Lappland vor allem von der Freude am Fußball der kleinen Nationen geprägt, so droht der aktuellen Ausgabe eine politische Vereinnahmung. Ausrichter und Titelverteidiger ist die Mannschaft Padaniens. Die ist so etwas wie der fußballerische Arm der norditalienischen Rechtspartei ‘Lega Nord’ (LN). Gründungsmitglied der padanischen ‘Nationalmannschaft’ ist der Lega-Politiker und Innenminister Roberto Maroni. Manager ist Renzo Bossi, der Sohn des Parteigründers Umberto Bossi. So wie Silvio Berlusconi mit dem Kauf des AC Mailand seinen Bekanntheitsgrad unter dem italienischen Fußball- und Wahlvolk steigerte, so hofft jetzt offensichtlich die LN auf einen Popularitätsschub durch die parteieigenen Kicker, heißt es dazu etwa auf Sport.ARD.de.
Die Zuschauer scheinen den Parteiauftrag verstanden zu haben, wie Tom Mustroph am 24. Juni 2009 aus der Stadt Novara im Piemont für die „Neue Züricher Zeitung“ zu berichten weiß:
„‘Keine Politik’, mahnt Grzegorz Szopa an der Aussenlinie des Stadions Silvio Piola in Novara. Doch die Stimme des polnischen Pressesprechers des NF Board (Nouvelle Fédération Board), des Dachverbands der von der Fifa nicht anerkannten Fussballverbände, trägt nicht bis hinauf zu den Zuschauertribünen. Dort baden sich die Anhänger der gastgebenden padanischen Auswahl in ihren eigenen Schlachtrufen. Das Partisanen-Lied mit dem Refrain ‘Bella ciao’ haben sie zu einer schmissigen Anti-Italien-Hymne umgedichtet. Unflätig beschimpfen sie den ausgerechnet vom piemontesischen Herrscherhaus unterstützten Nationalstaat-Gründer Garibaldi. Und just als Szopa ‘No politics’ sagt, ruft die grün-weisse Heerschar aus vollen Kehlen zur ’secessione’ auf, zur Abspaltung des Nordens vom offiziellen Italien. [...] Die Lega kalkuliert mit dem Popularitätsschub, den König Fussball verheisst. Bossi junior will im Herbst deshalb sogar eine padanische Liga ins Leben rufen, und er hat Nationalcoach Lippi zu einem Match Italien – Padanien aufgefordert.“
Dass bei so viel Politik fast zwangsläufig der Sport unter die Räder kommt, verwundert nicht. Auch davon muss Tom Mustroph berichten:
„Erfolgreich ist die grün-weisse Squadra (Padanien) bis jetzt aber auch nicht. Beim knappen 1:0-Sieg gegen das spielerisch gleichwertige Team aus Okzitanien, das sich vornehmlich aus Amateuren der fünften französischen Liga zusammensetzt, profitierten die Gastgeber von der unausgewogenen Verteilung der Strafen des aus ihrem eigenen Verband stammenden Schiedsrichters. Okzitaniens Trainer, wegen nachvollziehbarer Proteste vom Platz geschickt, sagte nach Spielschluss: ‘Es war von vornherein klar, dass Padanien gewinnen muss. Für uns beginnt das Turnier erst mit dem zweiten Spiel richtig.’ Bleibt zu hoffen, dass diese offensichtlichen Regieanweisungen nicht zum Titelgewinn Padaniens führen. Denn die Teilnehmer des World Cup wollen einfach Fussball spielen und dabei ihre Kultur vertreten. Diesen ursprünglichen Gedanken muss der NF Board gegen politische Einflussnahmen verteidigen, will er weiterhin eine charmante Alternative zur Fifa sein.“
Wer sich trotzdem für den Verlauf des Turniers interessiert, findet die aktuellen Ergebnisse hier.